Running
ULTRA RUNNING – Früher vs Heute
Zwischen Abenteuer, Hype und Hightech
Ultrarunning früher und heute: Was hat sich bei Ultra-Rennen verändert?
Wir haben Lord Jens Kramer (einen echten Veteranen des Ultra Running) ein paar Fragen darüber gestellt, wie sich die Sportart aus seiner Sicht verändert hat. Wir wollten wissen was bei Events jetzt anders ist, woher der Hype eigentlich kommt und welche Schattenseite der Boom mit sich bringt.
1. Wenn du an dein erstes Ultra Rennen vor vielen Jahren zurück denkst und an dein letztes Ultra Event vor wenigen Wochen: Was nimmst du für Unterschiede am Start und auf der Strecke wahr?
Mein erstes Ultrarennen ist definitiv schon ein Weilchen her – und Selfies, Livetracking oder Kameras an jeder Ecke gab es damals definitiv noch nicht. 😂 Heute ist das Bild an der Startlinie ein ganz anderes. Das mediale Interesse ist enorm. Überall sind Kameras, Drohnen und Livestreams, und vieles wird praktisch direkt zu den Menschen nach Hause übertragen. Das ist natürlich faszinierend. Gleichzeitig entsteht dadurch aber auch ein anderer Druck. Man weiß, dass ständig irgendwo eine Kamera auf einen gerichtet sein könnte. Und natürlich entsteht dadurch auch der Wunsch, sich selbst ein bisschen in Szene zu setzen – obwohl man sich bei einem Ultra vielleicht besser auf das konzentrieren sollte, was gerade vor einem liegt.
Man kommt vielleicht manchmal etwas weniger zu sich selbst. Auf der Strecke merkt man außerdem, dass die Leistungsdichte deutlich höher geworden ist. Die Rennen werden schneller und professioneller. Kleine Fehler beim Pacing, bei der Ernährung oder bei der Renneinteilung können dich heute ziemlich schnell viele Plätze kosten. Trotzdem ist die Faszination ungebrochen. Und wenn ich an der Startlinie stehe und all diese unglaublich fitten und wagemutigen Menschen sehe, denke ich mir manchmal schon: „Was mache ich eigentlich hier?“ 😂
2. Abgesehen von den Events: Wo fallen dir generell Unterschiede noch auf?
Eigentlich überall.
Ultra Running ist von einem ziemlichen Nischensport zu einem Thema geworden, das immer mehr Menschen erreicht. Social Media hat dabei natürlich unglaublich viel verändert. Heute kann sich jeder Trainingspläne erstellen lassen, Rennen verfolgen, sich über Ausrüstung informieren und sich innerhalb kürzester Zeit ein enormes Wissen aneignen. Auch die Ausrüstung und die gesamte Infrastruktur rund um den Sport haben sich weiterentwickelt. Früher war vieles einfacher. Man hatte seine Schuhe, einen Rucksack, etwas Verpflegung und ist losgelaufen. Heute gibt es GPS-Uhren, Livetracking, Leistungsdaten, ausgeklügelte Ernährung, spezielle Kleidung, Carbon und gefühlt für jedes Problem noch ein eigenes kleines Produkt. 😂 Und auch die Veranstaltungen selbst sind größer geworden. Expo, Aussteller, Fotoservice, Livetracking, Unterhaltung und alles, was sonst noch dazugehört. Eigentlich braucht man für einen Ultra gar nicht so wahnsinnig viel. Man möchte ja eigentlich nur laufen. Aber inzwischen ist daraus vielerorts ein regelrechtes Spektakel geworden.
3. Wann hast du gemerkt das sich da deutlich was verändert hat?
Ich glaube, das war kein einzelner Moment. Es war eher ein schleichender Prozess. Mit dem Internet und später vor allem mit Social Media wurde plötzlich alles sichtbar. Rennen, Trainings, Ergebnisse, Ausrüstung, Athleten und natürlich auch deren persönliches Leben. Dann kamen Livetracking, Livecams und Drohnen dazu. Plötzlich konnte man bei einem Rennen praktisch jeden Schritt verfolgen. Und irgendwann habe ich gemerkt: Es gibt kaum noch ruhige Momente. Auch die Entwicklung der Rennen selbst hat mir gezeigt, dass sich etwas verändert hat. Die Leistungsdichte wurde immer größer und aus einem Abenteuer wurde teilweise immer mehr ein Hochleistungssport. Das ist grundsätzlich nichts Schlechtes. Aber es verändert eben die Wahrnehmung. Und manchmal vermisse ich ein bisschen dieses einfache Gefühl von: Schuhe an, Rucksack auf und los.
Warum erlebt Ultrarunning einen solchen Boom und wird er bleiben?
4. Was denkst du wie es zu dem Hype kam?
Ich glaube, dass mehrere Dinge zusammengekommen sind.
Ultra Running bietet unglaublich gute Bilder und Geschichten. Menschen laufen hunderte Kilometer durch spektakuläre Landschaften, durch die Nacht, über Berge und manchmal unter Bedingungen, bei denen sich normale Menschen fragen, ob das überhaupt noch freiwillig ist. Das fasziniert.
Dazu kommen die sozialen Medien. Heute kann jeder diese Geschichten unmittelbar miterleben. Früher hat man vielleicht am nächsten Tag erfahren, wer ein Rennen gewonnen hat. Heute kann man einen Athleten praktisch rund um die Uhr begleiten. Dazu kommen neue Ikonen und Persönlichkeiten, die dem Sport ein Gesicht geben. Und natürlich lieben Menschen Geschichten über Grenzen. Jemand läuft 100, 200 oder 300 Kilometer und überschreitet dabei seine eigenen Grenzen – das ist einfach eine Geschichte, die funktioniert. Der Hype ist deshalb für mich durchaus nachvollziehbar. Und solange Menschen dadurch Lust bekommen, selbst rauszugehen und etwas zu erleben, finde ich das grundsätzlich positiv.
5. Hat sich Ultra Running generell verändert oder ist das nur eine Phase?
Ich glaube nicht, dass das nur eine Phase ist. Wie jeder Sport entwickelt sich auch Ultra Running weiter. Irgendwann wird fast alles auf die Spitze getrieben. Neue Trainingsmethoden, neue Technologien, neue Wettkampfformate und immer bessere Leistungen – das ist wahrscheinlich einfach der Lauf der Dinge. Wer sich anpassen kann, kommt damit gut zurecht. Wer nicht, bleibt vielleicht irgendwann ein Stück weit auf der Strecke. Aber man kann sich zum Glück auch selbst immer wieder neu erfinden. Ich muss nicht jede Entwicklung mitmachen, nur weil sie gerade existiert. Ich kann selbst entscheiden, was davon zu mir passt und was nicht. Und vielleicht ist genau das heute wichtiger denn je.
Das Gute, das Schlechte und das Bittere am neuen Ultra-Running Hype
6. Wo siehst du Gefahren bei dem ganzen Hype?
Die größte Gefahr sehe ich darin, dass Menschen das, was sie im Internet sehen, mit der Realität verwechseln. Ein Ultra sieht auf Instagram oft fantastisch aus. Sonnenaufgang, Berge, lächelnde Läufer und am Ende ein schönes Zielfoto. Was man nicht sieht, sind die Jahre an Training, die Erfahrung, die Vorbereitung und manchmal auch die vielen schlechten Momente. Berge sind keine Instagram-Kulisse. Ich finde es deshalb bedenklich, wenn Menschen unvorbereitet an solche Herausforderungen herangehen, ohne die notwendige Ausrüstung oder ohne Grundkenntnisse über das Gelände und die Wetterverhältnisse. Nicht alles, was im Internet leicht und schön aussieht, ist auch leicht und schön. Manche Dinge brauchen Jahre an Erfahrung. Ein Ultra darf extrem sein. Aber extrem bedeutet für mich nicht, dass man jede Vernunft ausschalten muss.
7. Viele reden jetzt auch offen über den Einsatz von Schmerzmitteln, Koffeintabletten und co. Wie siehst du diese Entwicklung?
Ich finde es grundsätzlich gut, dass darüber gesprochen wird. Auch ich spreche darüber und deshalb möchte ich niemanden vorschnell verurteilen. Aber ich finde, wir müssen aufpassen, wo die Grenze liegt. Wenn Schmerz nur noch ein Signal ist, das man mit irgendwelchen Mitteln ausschaltet, wird es gefährlich. Schmerz ist manchmal eben nicht der Gegner, sondern die Information des Körpers, dass etwas nicht stimmt. Auch bei Koffein oder anderen leistungssteigernden Mitteln sollte man meiner Meinung nach sehr bewusst damit umgehen. Es sollte möglich sein, einen Ultra zu schaffen, ohne seinen Körper dafür völlig auszutricksen. Die Risiken sind einfach zu groß. Am Ende reden wir immer noch über Sport. Kein Ziel und keine Platzierung ist es wert, dafür die eigene Gesundheit oder im schlimmsten Fall das eigene Leben aufs Spiel zu setzen. Der Berg wartet. Das Ziel wartet. Wir müssen nicht schneller sein als unsere Vernunft.
8. Hat der Ultra Hype aber trotzdem auch positive Facetten?
Auf jeden Fall. Und davon sogar sehr viele.
Ich finde es großartig, wenn Menschen durch diesen Sport die Natur entdecken. Wenn jemand durch Ultra Running anfängt, mehr draußen unterwegs zu sein, sich zu bewegen und seinen eigenen Körper wieder ganz anders wahrzunehmen. Das ist für mich eine sehr positive Entwicklung. Der Sport zeigt Menschen, dass viel mehr möglich ist, als sie vielleicht selbst gedacht haben. Und dabei muss es nicht einmal ein 100-Kilometer-Rennen sein. Es reicht auch, einfach rauszugehen und eine Runde zu laufen, zu wandern oder einen Berg zu besteigen. Geht raus und macht etwas. Egal was. Hauptsache, ihr bewegt euch. Die Natur interessiert sich sowieso nicht dafür, welche Pace ihr gelaufen seid. 😉
Ist das noch Ultra Running? Und was bleibt vom Hype?
9. Kannst du dich mit dem aktuellen Bild von Ultra Running noch identifizieren?
Ja, absolut. Aber vielleicht mit meiner eigenen Definition davon.
Ich war eigentlich schon immer so unterwegs. Meine ersten langen Läufe habe ich bereits mit den ersten Handykameras begleitet und für mich selbst Fotos gemacht. Damals wusste ich natürlich noch nicht, dass daraus einmal so etwas entstehen würde. Aber ich habe schon damals das Potenzial erkannt, Geschichten über diese Erlebnisse zu erzählen. Heute gibt es dafür natürlich ganz andere Möglichkeiten. Social Media, Videos, Drohnen, Livestreams und all die technischen Möglichkeiten finde ich zum Teil großartig. Ich kann Menschen mitnehmen, die vielleicht selbst nie an diesen Orten sein werden. Aber ich möchte dabei trotzdem nicht vergessen, warum ich überhaupt angefangen habe. Ich möchte erleben. Nicht nur dokumentieren. Ich möchte laufen. Nicht nur Content produzieren. Und ich möchte auch einmal das Handy weglegen können und einfach nur irgendwo auf einem Berg stehen. Wobei ich zugeben muss: Ganz ohne Foto komme ich natürlich auch heute nicht mehr nach Hause. 😂
10. Was wünscht du dir wie es mit der Entwicklung weitergeht?
Ich wünsche mir, dass sich der Sport weiterentwickelt, ohne seine Seele zu verlieren. Dass jeder seinen Sport so ausleben kann, wie er möchte. Natürlich braucht es Regeln, Sicherheit und eine vernünftige Vorbereitung. Ein Ultra ist schließlich kein Sonntagsspaziergang. Aber es sollte für jeden, der gut vorbereitet ist, möglich sein, seinen persönlichen Traum vom Ultra zu verwirklichen. Ich wünsche mir, dass der Zugang zum Sport nicht immer komplizierter wird und man irgendwann nicht nur noch über Qualifikationen, Punkte, Indizes, Rankings und Geld an der Startlinie stehen kann. Nicht jeder muss Profi sein. Nicht jeder muss einen bestimmten Index haben. Nicht jeder muss Sponsoren haben. Manchmal reicht es einfach, einen Traum zu haben und bereit zu sein, dafür zu arbeiten. Und am Ende wünsche ich mir eigentlich nur eines: Dass jemand an der Startlinie steht, losläuft, unterwegs vielleicht ein paar Mal denkt: „Warum zur Hölle mache ich das eigentlich?“ … und dann irgendwann mit einem breiten Grinsen über die Ziellinie läuft. Denn genau dieses Gefühl sollte Ultra Running für mich niemals verlieren. Das Abenteuer gehört immer noch dem Menschen. Nicht dem Algorithmus. Nicht der Uhr. Nicht dem Livestream. Dem Menschen.